Erzählbuch

Beispiel

Das Buch von Hermine Gruber

Hermine Gruber (geboren 1946 in Linz) ist erfunden – die Art, wie ihre Geschichten entstehen, nicht. Jede Geschichte begann mit einer einzigen Frage – per WhatsApp, E-Mail oder am Telefon.

Frage der Woche
Was ist deine allererste Erinnerung?

Die Straßenbahn vor dem Fenster

Sommer 1949 · per E-Mail

Ich war vielleicht drei Jahre alt. Wir wohnten im zweiten Stock in der Wiener Straße, und direkt unter unserem Küchenfenster fuhr die Straßenbahn vorbei. Jedes Mal, wenn sie quietschend um die Kurve bog, wackelten die Gläser in der Kredenz – und ich bin auf den Sessel geklettert, um hinauszuschauen.

Meine Großmutter hat mich dann immer festgehalten, an den Trägern meiner Schürze, damit ich nicht hinausfalle. Sie roch nach Kernseife und nach Zwiebeln, und sie hat jedes Mal dasselbe gesagt: „Schau, Mini, die fährt nach Urfahr. Da fahren wir auch einmal hin.“

Wir sind nie gemeinsam nach Urfahr gefahren. Sie ist gestorben, als ich sieben war. Aber wenn ich heute eine Straßenbahn quietschen höre, stehe ich wieder auf diesem Sessel, und jemand hält mich an der Schürze fest.

Frage der Woche
Was gab es bei euch sonntags zu essen – und wer saß mit am Tisch?

Schweinsbraten und das gute Geschirr

Fünfzigerjahre · am Telefon erzählt – im Buch mit QR-Code zur Aufnahme

Sonntag war der einzige Tag, an dem das gute Geschirr aus dem Schrank kam – weiß mit einem dünnen Goldrand, ein Hochzeitsgeschenk meiner Eltern. Wehe, man hat einen Teller angeschlagen!

Die Mutter ist schon um sieben in der Küche gestanden. Schweinsbraten mit Knödeln und Krautsalat, wenn das Geld gereicht hat. Wenn nicht, dann Grießnockerlsuppe und Erdäpfelschmarrn, und der Vater hat trotzdem so getan, als wäre es ein Festessen.

Am Tisch saßen wir vier Kinder, die Eltern und fast immer der Onkel Ferdl, der allein gelebt hat und jeden Sonntag „zufällig“ um zwölf vorbeigekommen ist. Er hat uns Kindern unter dem Tisch Zuckerl zugesteckt. Gebetet wurde vor dem Essen, geredet erst, wenn der Vater den ersten Bissen genommen hatte. Das war die Regel.

Frage der Woche
Was war deine allererste bezahlte Arbeit?

Zwanzig Schilling und ein Kipferl

1960 · geschrieben

Mit vierzehn habe ich beim Bäcker Huber in der Landstraße ausgeholfen. Jeden Samstag um fünf in der Früh ging es los, im Winter noch im Finstern. Ich habe Semmeln in Papiersackerl gezählt, immer zehn auf einmal, und die Kundschaft bedient, wenn die Frau Huber hinten beim Ofen war.

Ich bekam zwanzig Schilling in der Woche – und jeden Samstag ein Kipferl, noch warm. Das Geld habe ich der Mutter gegeben, bis auf zwei Schilling. Die habe ich in einer Blechdose unter dem Bett gespart, für ein Paar richtige Lederschuhe.

Im Herbst hatte ich sie beisammen. Braune Spangenschuhe, ich sehe sie heute noch vor mir. Ich habe sie so geschont, dass ich sie kaum getragen habe – und dann waren sie zu klein.

Frage von Lena (Enkelin)
Wie hast du Opa kennengelernt?

Der Faschingsball im Volkshaus

Februar 1966 · per WhatsApp – im Buch mit QR-Code zur Aufnahme

Eigentlich wollte ich gar nicht hingehen. Meine Freundin Resi hat mich überredet, und ich bin als Matrosin gegangen, mit einer gestreiften Bluse von meiner Schwester und einer selbstgebastelten Kappe.

Der Franz stand den ganzen Abend an der Bar und hat sich nicht getraut. Erst beim Damenwahl-Walzer hat die Resi mich zu ihm hinübergeschoben. Er hat mir zweimal auf die Zehen gestiegen und sich jedes Mal so lieb entschuldigt, dass ich lachen musste.

Um Mitternacht hat er mich gefragt, ob er mich heimbringen darf. Wir sind zu Fuß gegangen, eine Stunde lang, über die Donaubrücke. Es war bitterkalt, und er hat mir sein Sakko umgehängt und selber gefroren wie ein Schneider. Zwei Jahre später haben wir geheiratet.

Frage der Woche
Wo warst du, als die Menschen zum ersten Mal auf dem Mond gelandet sind?

Die Mondlandung beim Nachbarn

21. Juli 1969 · per E-Mail

Wir hatten damals noch keinen eigenen Fernseher. Die Familie Pichler im Erdgeschoß hatte einen, und an diesem Abend war ihr Wohnzimmer so voll wie bei einer Hochzeit. Kinder saßen am Boden, die Männer standen hinten und haben geraucht, die Frau Pichler hat Kracherl ausgeschenkt.

Es war mitten in der Nacht, und das Bild war so grau und verschwommen, dass man kaum etwas erkennen konnte. Aber als dieser Mann die Leiter hinuntergestiegen ist, war es plötzlich ganz still im Zimmer. Der alte Herr Pichler hat geweint und gesagt: „Dass ich das noch erleben darf.“

Der Franz hat mich angestupst und geflüstert: „Und wir zwei fahren nicht einmal nach Italien.“ Ein Jahr später waren wir in Caorle.

Frage der Woche
Was möchtest du deinen Enkelkindern unbedingt mitgeben?

Was ich euch mitgeben möchte

geschrieben

Ihr Lieben, ich habe lang überlegt, was ich hier hineinschreibe. Ich bin keine große Philosophin. Aber ein paar Sachen habe ich gelernt, und die schenke ich euch.

Geht zu Fuß, wann immer ihr könnt. Die besten Gespräche meines Lebens habe ich beim Gehen geführt – mit eurem Opa, mit meiner Schwester, mit euch.

Hebt Briefe auf. Und schreibt welche. Ein Brief bleibt, eine Nachricht am Handy nicht.

Und fragt die Alten, solange sie noch da sind. Ich habe meine Mutter so vieles nie gefragt, und jetzt ist es zu spät. Deshalb freue ich mich so über dieses Buch – dass ihr mich gefragt habt.

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